
Cloud-Repatriierung in Europa: Die wichtigsten Erkenntnisse vom CloudFest 2026
Auf dem CloudFest treffen sich diejenigen, die das Internet tatsächlich betreiben: Hosting-Anbieter, Infrastructure Engineers und Plattformbetreiber. In diesem Jahr waren Ferdinand Duschka und Mika Egelhaaf von coPetence vor Ort – und kehrten mit dem deutlichen Eindruck zurück, dass sich gerade etwas Grundlegendes verschiebt.
Eine berechtigte Frage vorab: Was hatte eine KI-Beratung auf einer Konferenz zu suchen, die sich primär an Cloud-Anbieter richtet? Die Trennlinie zwischen „KI-Unternehmen“ und „Infrastruktur-Unternehmen“ verschwimmt zusehends. Die Entscheidungen, die in den Vorständen der Hosting-Branche derzeit getroffen werden – wo Workloads laufen, welchen Jurisdiktionen man vertraut, wie auf die Nachfrage nach souveräner Cloud reagiert wird – bestimmen unmittelbar, welche KI-Deployments für unsere Kunden überhaupt möglich sind. Für Mika, der wesentliche Teile unserer KI-Practice verantwortet, war die Veranstaltung genau aus diesem Grund besonders wertvoll. Darüber hinaus versammelt das CloudFest schlicht einen erheblichen Teil unserer Zielgruppe an einem Ort.
Warum europäische Unternehmen ihre Hyperscaler-Abhängigkeit hinterfragen
Die Stimmung vor Ort war nicht anti-Cloud. Sie war anti-Abhängigkeit. Europäische Unternehmen überprüfen ihr Verhältnis zu den US-Cloud-Riesen – nicht aus Nostalgie, sondern aus strategischer Notwendigkeit. Cloud-Repatriierung – also die Rückführung von Workloads in regionale oder private Infrastruktur – ist längst kein Randthema mehr. Sie ist auf Vorstandsebene angekommen.
Der Auslöser ist nicht technischer, sondern politischer Natur. Das aktuelle geopolitische Umfeld hat das Unbehagen in den Führungsetagen gegenüber Infrastruktur, die US-Recht unterliegt und unter Regelwerken wie dem CLOUD Act zugriffsbereit ist, deutlich verstärkt. Souveräne Cloud-Angebote europäischer Anbieter waren auf dem CloudFest allgegenwärtig – nicht als Nischenprodukte für Compliance-Beauftragte, sondern als ernsthafte Mainstream-Alternativen für Enterprise-Kunden.
Die Frage lautet heute nicht mehr: „Können die Hyperscaler das?“ – das können sie offensichtlich. Sondern: „Sollten wir ihnen das anvertrauen?“
Wie KI die Cloud-Repatriierung in Europa beschleunigt
KI beschleunigt zugleich die Cloud-Adoption und die Debatte um Repatriierung. Trainingsläufe, Vektordatenbanken, GPU-Inferenz – all das drängt Teams in die Managed Services der Hyperscaler. Gleichzeitig sind KI-Workloads genau jene, bei denen Unternehmen am größten Bauchschmerzen haben, sie auf ausländischer Infrastruktur zu betreiben. Wenn Ihr KI-System Kundendaten verarbeitet, interne Dokumente oder proprietäre Geschäftslogik berührt, ist die Frage der Jurisdiktion von zentraler Bedeutung.
Europäische Anbieter ziehen hier rasant nach. Souveräne KI-Infrastruktur innerhalb der EU-Jurisdiktion entwickelt sich zu einer eigenständigen Kategorie – nicht zu einem Marketingversprechen.
NIS2, DORA und der Compliance-Case für die souveräne Cloud
NIS2 ist da. DORA ist da. Der Compliance-Druck auf europäische Unternehmen – insbesondere im Finanzsektor und in kritischer Infrastruktur – beschleunigt Entscheidungen, die andernfalls Jahre gedauert hätten. Wenn regulatorische Rahmenwerke Datenresidenz vorschreiben, benötigt der Reflex „einfach AWS“ plötzlich deutlich mehr Begründung.
Bemerkenswert war: Security- und Infrastruktur-Teams ziehen hier zunehmend an einem Strang. Es ist nicht mehr der CISO, der mit DevOps streitet. Beide Seiten betrachten dasselbe Risiko – und kommen zu denselben Schlussfolgerungen.
EU Regulatory & Geopolitical Pressure on Cloud Infrastructure
Cloud-Souveränität jenseits von Compliance: ein strategischer Wandel
Das Motto 2026 – The Sustainability of Everything – erwies sich als überraschend präzise. Nachhaltigkeit meinte hier Energieverbrauch, Infrastrukturkosten, geopolitische Resilienz und offenen Zugang zu Wissen. Sprecher wie Brewster Kahle (Internet Archive) und die Digitalrechtlerin Brittany Kaiser erinnerten ein Auditorium voller Ingenieure daran, dass die Frage, wer die Internet-Infrastruktur kontrolliert, eben nicht nur technisch ist. Sie ist politisch, ökonomisch und gesellschaftlich.
Cloud-Repatriierung als Architekturentscheidung
Wir rufen nicht das Ende der Hyperscaler aus. Aber die Ära der unkritischen Hyperscaler-Adoption in Europa neigt sich dem Ende zu. An ihre Stelle tritt ein bewussterer, architekturgetriebener Ansatz: zu verstehen, wo Daten liegen, welcher Jurisdiktion sie unterliegen und welche politischen Implikationen mit dieser Wahl verbunden sind.
Das CloudFest 2026 hat bestätigt, was wir bei unseren Kunden bereits gespürt hatten: Souveränität ist kein Steckenpferd europäischer Bürokraten mehr. Sie ist Infrastrukturstrategie.
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